EgoGedankenStimmenVerstand

Stimmen

Schon nach dem Erwachen frühmorgens beginnt es. Es schnattert im Kopf! Wo ist mein Socken, mein Wasserglas? Verdammt, warum…!? Jetzt muss ich als Erstes aber mal dies, das und jenes. Planen, einordnen, bewerten, Prioritätslisten erstellen, diese dann sofort wieder ändern, abgleichen, optimieren. Zack, ein neuer Einfall! Hätt ich ja fast vergessen! Um Gottes Willen! Diese Sache hier eine Priorität höher, diese dort eine tiefer! Vielleicht doch besser zwei Stufen? Mal sehen! Ach ja, ich wollte ja noch dort anrufen! Das mache ich sofort als Erstes. Doch Stop! Das geht ja jetzt noch gar nicht! Verdammt! Ich kann jetzt noch nicht dort anrufen, es ist noch zu früh! Hmmm… Weiter mit dem Tagesplan! Ach da war ja das Problem mit dem Auto! Verdammtes Geräusch. Ich muss mich drum kümmern! Werde ich im Laufe des Tages schauen, wie ich das schaffe. So, wo waren wir stehengeblieben? Ach ja. Wir? Wer ist wir? Gemeint ist offensichtlich der Verstand und sein zugehöriger Restkörper. Oder kann es noch jemand anderes sein? Der Plapperkasten im Kopf beginnt seine hektische Aktivität schon einige Sekunden nach dem Erwachen. Wirklich schockierend allerdings ist: Es hört vor dem nächsten anstehenden Schlaf auch nicht mehr auf!
Gelegentlich laufen in der Öffentlichkeit eigentümliche Kauze herum. Genüßlich vor sich hinmurmelnd, im lauten Selbstgespräch vertieft. Menschen, die ein hörbares Selbstgespräch vor sich hinmurmeln werden von einigen Protagonisten kopfschüttelnd als Spinner stigmatisiert. Doch sind es meist die, in dessen Kopf selbst fortwährend die wirrsten Kommentare vor sich hinrattern! Die lauten Selbstgespräche der murmelnden Kauze sind natürlich etwas völlig anderes als der eigene stille Singsang im Kopf. Aber sicher! Welcher Unterschied besteht auch zwischen dem, der laute Selbstgespräche führt und jenem, in dessen Kopf Chaosstimmen vor sich hinquasseln? Eine gemeinsame Überzeugung eint sie allerdings oft: Der Erzähler im Kopf seien sie selbst! Verfangen in dem endlosen Dialog des Denkens entgeht ihnen fast alles um sie herum. Sie können sich nach einer Autofahrt an keinen Baum oder Strauch, an kein Detail mehr erinnern. Gefangen im eigenen Verstand rennt das Leben im Galopp an ihnen vorrüber. Plötzlich ist wieder ein Monat, ein Jahr vorbei und es keimt in ihnen das starke Gefühl, die Zeit sei dahingerast, flüchtig, doch sie wissen nicht warum. Ihr Verstand hat nichts besseres zu tun, als wie ein Wiesel von Gedanken zu Gedanken zu springen, unablässig, ohne Unterlass, tagein, tagaus. Einordnen hier, bewerten dort, vergleichen ohne Unterlass!
Selbstverständlich sind alle Kommentare und Gastkommentare im Kopf sie selbst. Wer sonst? Genauso, wie sie ihren Atem, ihre Herzfrequenz und ihre Leber- und Nierenfunktion aktiv bewusst steuern! Sie sitzen ja schließlich aktiv in der Steuerzentrale ihres Körpers! Sie schalten am Steuerpult ihre Herzfrequenz, schließen Ventile ihrer Blutbahnen und greifen aktiv in ihren Körperstoffwechsel ein. Alles hat dieser Mensch unter Kontrolle! Auch seine Gedanken! Ihre Gedanken sind ja sie selbst. Wer sonst könnte die steuern? Nur sie selbst. Sie sind sich dessen ja so sicher!